Soziale Gerechtigkeit - Die Sprossen der Lebensleiter

Veröffentlicht am 12.12.2012 in Bundespolitik

Kuckuck: Herr Pilger, Sie sind mit einem überwältigenden Ergebnis zum Kandidaten der SPD für die Bundestagswahl 2013 im Wahlkreis 200 gewählt worden. Hat Ihnen Ihre Entscheidung zur Kandidatur schon schlaflose Nächte bereitet?
Pilger: … Natürlich ist das Ergebnis ein großer Vertrauensvorschuss und ich bin mir der Erwartungen bewusst ... Für mich ist klar, dass … ich alles tun werde, damit wir am Wahlabend ein Ergebnis haben, mit dem wir den Wahlkreis direkt gewinnen.
Kuckuck: Ihr großes Thema ist die Soziale Gerechtigkeit. Ihr Lebenslauf selbst liest sich ... mit Ecken und Kanten. Sehen Sie sich selbst als jemanden, für den “Soziale Gerechtigkeit” die Sprossen der Lebensleiter gewesen sind?
Pilger: Ein sehr treffendes und schönes Bild - Soziale Gerechtigkeit als Sprossen der Lebensleiter! Ja, mein Leben ist nicht gradlinig verlaufen. Ich war ein Spätzünder und musste erst ein paar Runden über Hauptschule und Gelegenheitsarbeiten drehen, ehe ich mich auf den Hosenboden setzte und Abitur und Studium nachholte. Meine Erkenntnis aus dieser Zeit: Man kann viel schaffen, wenn Menschen an einen glauben und einem auf dem Weg Mut machen.
Kuckuck: Als Pastoraltheologe haben Sie in einem sozial schwierigen Stadtteil von Koblenz Brennpunktarbeit gemacht und als Lehrer sind Sie sicher auch immer ein Stück weit Sozialarbeiter. Was muss sich in diesem Bereich Ihrer Meinung nach ändern?
Pilger: ... Wir müssen viel früher mit unterstützender sozialer Arbeit beginnen - schon im Kindergarten! Es ist wichtig, dass Kinder früh mit Gleichaltrigen in Kontakt kommen, soziale Kompetenzen erlernen und einüben. Ich halte überhaupt nichts davon, Eltern finanzielle Anreize dafür zu geben, ihre Kinder nicht in ein Betreuungsangebot zu geben… Natürlich will ich nicht sagen, dass Eltern ihre Kinder nicht erziehen könnten, oder dass ein staatliches Angebot es besser könnte. Aber ich glaube, dass es gerade für sozial nicht gefestigte Familien falsche Anreize schafft ... Selbst in den Ländern, in denen das Betreuungsgeld seit langem existiert (in den drei skandinavischen Länder existiert ein Betreuungsgeld teilweise seit 1985) diskutiert man beispielsweise über seine Abschaffung. Experten weisen dort zu Recht auf die negativen Auswirkungen hinsichtlich einer Integration von Migranten hin. ...
Kuckuck: Soziale Gerechtigkeit ist auch im Alter ein großes Thema: Stichwort Rente und demografischer Wandel.
Pilger: Wir müssen schnell Antworten auf die Herausforderung des demografischen Wandels und hierbei vor allem auf die Altersarmut finden. Unsere Kinder wachsen mit der Gewissheit auf, dass sie selbst etwas für die Rente tun müssen. Meiner Generation und der meiner Eltern wurde fast lebenslang von der Politik versichert, dass die Renten sicher seien - Norbert Blüm hat es vielleicht sogar geglaubt. Aber es geht hier ja mehr um das Rentenniveau, als um die generelle Sicherheit des staatlichen Rentensys-tems. Heute müssen wir feststellen: Es gibt viele Leute, die von ihrer Rente nicht mehr oder nur sehr bescheiden leben können. … Es muss klar sein: Wer 45 Jahre in die staatliche Rentenver-sicherung eingezahlt hat, muss abschlagsfrei in den Ruhestand gehen können. …
Kuckuck: Ungerechtigkeiten bei der Rente gibt es auch zwischen den Geschlechtern.
Pilger: Eine große - entschuldigung - Sauerei! Frauen verdienen in vergleichbaren Postionen ca. 20 % weniger als Männer. Das wirkt sich direkt im Geldbeutel aus, später auch auf die Rente. Abgesehen davon ist es einfach nicht fair. Wir beklagen, dass Familien immer weniger Kinder bekommen, die auch wieder unser Sozialsystem auf lange Sicht sichern. Gleichzeitig frustrieren wir Frauen im Job durch Hürden bei Kinderbetreuung oder Entlohnung und erschweren ihnen den Weg in Unternehmenshierarchien. Das ist auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit!
Kuckuck: Um es kurz zu machen: Es muss sich etwas ändern. Mit Ihnen in Berlin!
Pilger: (lacht) Besser hätte ich es nicht auf den Punkt bringen können!

 

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